TREASURE-Studie: Zusätzliche Strahlentherapie bringt bei fortgeschrittenem kleinzelligem Lungenkrebs keinen Vorteil
Eine zusätzliche Bestrahlung des Brustkorbs verbessert bei Patient*innen mit fortgeschrittenem kleinzelligem Lungenkrebs, die eine Immuntherapie mit Atezolizumab erhalten, weder das Überleben noch die Kontrolle der Erkrankung. Gleichzeitig traten unter der Kombination beider Therapien häufiger schwere Nebenwirkungen auf. Das zeigt die internationale TREASURE-Studie unter Beteiligung der Universitätsmedizin Göttingen (UMG). Die Ergebnisse liefern wichtige Erkenntnisse für eine sichere und zielgerichtete Behandlung von Patient*innen mit dieser besonders aggressiven Form von Lungenkrebs.


An der randomisierten Phase-II-Studie TREASURE (AIO-TRK-0320) waren 20 Kliniken in Deutschland und Österreich beteiligt. Die Studie wurde von der Thoraxklinik Heidelberg gGmbH unter der Leitung von Dr. Farastuk Bozorgmehr, Medizinische Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg, als koordinierender Prüfärztin durchgeführt. Von Seiten der Universitätsmedizin Göttingen war unter anderem Prof. Dr. Stefan Rieken, Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie der UMG und Sprecher des UniversitätsKrebszentrums Göttingen (G-CCC), an der Studie beteiligt. Die Ergebnisse wurden im renommierten Fachjournal JAMA Oncology veröffentlicht. (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/42424047/).
Untersucht wurde eine wichtige Frage der modernen Lungenkrebstherapie: Kann eine zusätzliche Bestrahlung des Brustkorbs die Wirkung einer Immuntherapie bei Patient*innen mit einem fortgeschrittenen kleinzelligen Lungenkrebs verbessern?
Kombination zweier wirksamer Therapieverfahren untersucht
Der kleinzellige Lungenkrebs ist eine schnell wachsende Form von Lungenkrebs. Hat sich die Erkrankung bereits über den Brustkorb hinaus ausgebreitet, wird sie als „Extensive-Stage Small Cell Lung Cancer“, kurz ES-SCLC, bezeichnet. Zur Standardbehandlung gehört heute zunächst eine Kombination aus Chemotherapie und Immuntherapie. Anschließend kann die Immuntherapie mit dem Wirkstoff Atezolizumab als Erhaltungstherapie fortgeführt werden.
„Die Idee hinter der Studie war, dass die Strahlentherapie möglicherweise nicht nur den Tumor im Brustkorb kontrollieren, sondern auch die Wirkung der Immuntherapie verstärken könnte“, sagt Studienleiterin Dr. Farastuk Bozorgmehr von der Thoraxklinik Heidelberg gGmbH, dem Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg und der Medizinischen Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg. „Für die Sicherheit und Wirksamkeit der Kombination dieser Behandlungen in dieser speziellen Therapiesituation lagen bislang jedoch nur sehr begrenzte prospektive Daten vor.“
Insgesamt wurden 96 Patient*innen für die Studie untersucht. 68 von ihnen, deren Erkrankung nach der ersten Behandlung zurückgegangen oder zumindest stabil geblieben war, wurden nach dem Zufallsprinzip zwei Gruppen zugeteilt: Eine Gruppe erhielt die übliche Erhaltungstherapie mit Atezolizumab. Die zweite Gruppe erhielt zusätzlich eine Bestrahlung des Brustkorbs.
Kein zusätzlicher Nutzen durch die Bestrahlung
Das Ergebnis war eindeutig: Die zusätzliche Strahlentherapie verbesserte weder das Gesamtüberleben noch die Zeit, in der die Erkrankung nicht weiter fortschritt. Das mediane Gesamtüberleben lag in der Gruppe mit Atezolizumab und zusätzlicher Bestrahlung bei 6,7 Monaten, in der Gruppe mit alleiniger Atezolizumab-Therapie bei 13,4 Monaten. Auch beim sogenannten progressionsfreien Überleben zeigte sich kein Vorteil durch die zusätzliche Bestrahlung. Gleichzeitig traten in der Gruppe mit kombinierter Behandlung häufiger schwere unerwünschte Ereignisse auf. Dabei handelte es sich vor allem um Infektionen und Komplikationen der Atemwege. Die Studie wurde deshalb aus Sicherheitsgründen vorzeitig beendet.
Diese Ergebnisse bedeuten nicht, dass eine Strahlentherapie oder eine Immuntherapie grundsätzlich besonders riskant ist. Beide Verfahren sind etablierte und wichtige Bestandteile der modernen Krebsmedizin. Untersucht wurde in TREASURE eine ganz bestimmte Kombination bei einer klar definierten Gruppe von Patient*innen mit fortgeschrittenem kleinzelligem Lungenkrebs. Gerade klinische Studien dienen dazu, solche neuen Behandlungsstrategien kontrolliert zu prüfen und mögliche Risiken frühzeitig zu erkennen.
Mögliche Erklärung für die stärkeren Nebenwirkungen
Die Forschenden fanden zudem einen möglichen Hinweis darauf, warum die Kombination für einige Patient*innen ungünstig gewesen sein könnte. Nach der Bestrahlung zeigte sich eine deutliche und länger anhaltende Verringerung bestimmter weißer Blutkörperchen, der sogenannten Lymphozyten. Diese Zellen spielen eine wichtige Rolle bei der Abwehr von Infektionen. Die verringerte Zahl an Lymphozyten könnte dazu beigetragen haben, dass einige Patient*innen anfälliger für Infektionen und andere schwere Komplikationen waren. Ob und bei welchen Patient*innen dieser Zusammenhang besonders relevant ist, soll nun unter anderem durch weitere Biomarkeranalysen untersucht werden.

Auch ein negatives Studienergebnis bringt die Behandlung voran
Für Prof. Dr. Stefan Rieken ist das Ergebnis gerade deshalb von großer Bedeutung für die klinische Forschung und Patientenversorgung: „Nicht jede wissenschaftlich gut begründete neue Therapiekombination führt am Ende zu einer besseren Behandlung. Genau dafür brauchen wir kontrollierte klinische Studien. Sie zeigen uns nicht nur, welche Ansätze wirken, sondern ebenso, welche wir unseren Patientinnen und Patienten nicht routinemäßig anbieten sollten. Auch ein negatives Studienergebnis ist deshalb ein wichtiger Erkenntnisgewinn: Es schützt Patient*innen vor unnötigen Belastungen und hilft uns, zukünftige Therapien gezielter und sicherer zu entwickeln“, sagt Prof. Dr. Stefan Rieken, Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie der UMG und Sprecher des G-CCC.
Die TREASURE-Studie ist die erste randomisierte Studie, die eine zusätzliche Bestrahlung des Brustkorbs zusammen mit einer Immuntherapie-Erhaltungstherapie bei fortgeschrittenem kleinzelligem Lungenkrebs untersucht hat. Die Ergebnisse sprechen gegen einen routinemäßigen Einsatz dieser Kombination bei nicht speziell ausgewählten Patientinnen. Gleichzeitig liefern sie Ansatzpunkte für weitere Forschung: Künftig soll besser verstanden werden, welche Patient*innen besonders empfindlich auf die kombinierte Behandlung reagieren und ob es möglicherweise einzelne Patientengruppen gibt, die dennoch davon profitieren könnten.
Die Studie wurde von der Thoraxklinik Heidelberg gGmbH unter der Koordination von Dr. Farastuk Bozorgmehr, Fachärztin in der Thoraxklinik des Universitätsklinikums Heidelberg, in enger Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Stefan Rieken von der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie der UMG durchgeführt. Beteiligt war die Arbeitsgruppe Thorakale Onkologie der AIO in der Deutschen Krebsgesellschaft. Sponsor der Studie war das IKF – Institut für Klinische Krebsforschung Frankfurt. Finanziell unterstützt wurde die Studie durch Roche. Das Unternehmen hatte keinen Einfluss auf Planung, Durchführung, Auswertung oder Veröffentlichung der Studie.
Publikation
Bozorgmehr F, Chung I, Behnisch R, et al. Consolidative Thoracic Radiotherapy With Atezolizumab Maintenance in Extensive-Stage Small Cell Lung Cancer: The Phase 2 TREASURE Randomized Clinical Trial (AIO-TRK-0320). JAMA Oncology. Online veröffentlicht am 9. Juli 2026. DOI: 10.1001/jamaoncol.2026.2330.