Wenn Kinder an Krebs erkranken

Rund 2.300 neue Krebsdiagnosen werden in Deutschland jährlich bei Kindern und Jugendlichen gestellt. Der Kampf gegen Krebs bei Kindern gehört zu den großen Erfolgsgeschichten der Medizin.

Krebs tritt bei Kindern und Jugendlichen im Vergleich zu Erwachsenen zwar relativ selten auf, trotzdem sterben jedes Jahr immer noch mehr Kinder und Jugendliche an Krebs als an allen anderen chronischen Erkrankungen dieser Altersgruppe zusammen. Das übersieht man schnell, wenn man die wirklich sehr gute Nachricht liest, dass dank ständig verbesserter Behandlungsmethoden heute vier von fünf Kindern geheilt werden. Im Kinderonkologischen Zentrum der Universitätsmedizin Göttingen werden Kinder und Jugendliche mit allen Formen gut- und bösartiger Tumor- und Krebserkrankungen behandelt. Das Kinderonkologische Zentrum ist unter dem Dach des Onkologischen Zentrums des UniversitätsKrebszentrums Göttingen seit 2020 von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziert. Zu den häufigsten hier behandelten Erkrankungen gehören Hirntumoren, Neuroblastome, Nierentumoren, Knochentumoren, Weichteiltumoren, Lymphome und Leukämien. Auch seltenere Tumore, gutartige Bluterkrankungen sowie Gerinnungsstörungen mit erhöhter Blutungs- und Thromboseneigung gehören zum Behandlungsspektrum. 

Um Kinder und Jugendliche mit Krebs bestmöglich zu versorgen, sollte die Behandlung in spezialisierten Zentren erfolgen. Hier arbeiten die verschiedenen Fachbereiche mit erfahrenen Spezialisten bereits bei der Diagnosestellung unter einem Dach eng zusammen und erstellen für jeden Patienten ein individuelles Therapiekonzept. Zu den Spezialisten des Zentrums zählen neben den eigentlichen Kinderonkologen unter anderem auch die Mitarbeiter der Kinderchirurgie und -urologie, Kinderneurochirurgie und Kinderorthopädie, Neuropädiatrie, Kinderendokrinologie und Kinderkardiologie, Kinderpalliativmedizin, der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie sowie auch Sozialarbeiter, Schmerztherapeuten, Ernährungsberater, Musik- und Sporttherapeuten. Für Eltern, deren Kinder im Kinderonkologischen Zentrum stationär behandelt werden, besteht die Möglichkeit im Elternhaus des Vereins "Elternhilfe für das krebskranke Kind Göttingen e.V." direkt am Osteingang zu übernachten. 

Blutkrebs bei Kindern

Die häufigste Krebserkrankung bei Kindern unter 15 Jahren sind Leukämien. Pro Jahr gibt es etwa 600 Neuerkrankungen deutschlandweit. Dabei treten bei Kindern die akuten Leukämien öfter auf, bei Erwachsenen sind es eher die chronischen Leukämien. Allein 31 Prozent aller Tumor- und Krebserkrankungen im Kindes- und Jugendalter sind auf die akuten Lymphoblastischen und Myeloblastischen Leukämieformen (ALL und AML) zurückzuführen. In der Regel werden ALL und AML bei Kindern und Jugendlichen mit einer sogenannten Polychemotherapie behandelt, bei der den Patienten über einen Zeitraum von mehreren Monaten bis hin zu zwei Jahren verschiedene Chemotherapeutika stationär und ambulant verabreicht werden. Allein mit dieser Therapie können heutzutage bereits über 80 Prozent der ALL-Patienten und bis zu 70 Prozent der AML-Patienten dauerhaft geheilt werden.  Die Behandlung akuter Leukämien im Kindesalter erfolgt gemäß der Fachgesellschaft für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie seit über 30 Jahren in sogenannten Therapieoptimierungsstudien. Diese ermöglichen den Zugang zu innovativen Therapien und sichern bestmögliche Behandlungsergebnisse.

Kindliche Hirntumoren

In Deutschland erkranken jedes Jahr rund 400 bis 450 Kinder und Jugendliche an Hirntumoren. Sie sind nach Leukämien die zweithäufigste Form von Krebs bei Kindern unter 15 Jahren. Vor allem durch neu entwickelte Diagnoseverfahren, die ein sehr genaues Bild von Gehirn und Tumor erlauben, konnte die Planung des operativen Eingriffs sowie die Operation selbst, deutlich verbessert werden. Die OP ist immer noch die erfolgversprechendste Behandlungsmethode und bedarf einer langjährigen Erfahrung und Expertise. Durch die enge Zusammenarbeit im bundesweiten kinderonkologischen Netzwerk ist das Kinderonkologische Zentrum der UMG maßgeblich an der Entwicklung innovativer Therapien sowie internationaler Behandlungskonzepte für den bösartigsten kindlichen Hirntumor, das Glioblastom, beteiligt. Hier hat unter der Leitung von Prof. Dr. Christof Kramm die deutsche HIT-HGG-Studienzentrale der kinderonkologischen Fachgesellschaft (HIT für HIrnTumor, HGG für Hoch-Gradige Gliome) seinen Sitz. 

Luftsprung

Mit Sport und Spiel zu mehr Selbstvertrauen während der Therapie

Besonders bei Kindern und Jugendlichen zeigen sich die Auswirkungen einer Krebserkrankung besonders deutlich. Durch die Erkrankung sind die Kinder und Jugendliche oft bettlägerig und in ihren Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt. Es kann sogar dazu kommen, dass sie sich isolieren. Denn oftmals verlieren krebskranke Kinder und Jugendliche aufgrund der fehlenden Kraft- und Ausdauer ihr Vertrauen in den eigenen Körper und in sich selbst. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass gerade sportliche Aktivitäten das Wohlbefinden der erkrankten Kinder und Jugendlichen verbessern und wertvolle psychische und physische Impulse setzen können. Durch diese Erkenntnis haben sich Sporttherapien im Bereich Onkologie an vielen Kliniken mittlerweile fest etabliert. Nicht jedoch mit einem psychomotorischen Ansatz.

Hier setzt das Projekt „Luftsprung“ an. Der Fokus liegt auf der Wechselbeziehung von Psyche und Motorik. Luftsprung ist ein wöchentliches, individuelles und buntes Sport- und Bewegungsangebot für Kinder und Jugendliche, die an Krebs erkrankt sind oder die sich bereits in der Nachsorge befinden, aber auch für Geschwisterkinder, Freunde und Freundinnen. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt von Universitätsmedizin Göttingen (UMG) und dem Institut für Sportwissenschaften (IfS) der Universität Göttingen. Das Sportangebot besteht seit 2015 und ist für die betroffenen Kinder und Jugendlichen kostenlos. Die Finanzierung erfolgt ausschließlich durch Spenden. Der besondere psychomotorische Ansatz in Göttingen wird seit 2018 wissenschaftlich begleitet durch Kyra Druivenga.

Sporttherapeutin und -wissenschaftlerin Kyra Druivenga mit zwei kleinen Patienten bei der Therapie. Foto: umg

Den eigenen Körper neu kennenlernen

Die psychomotorisch orientierte Sporttherapie gibt den Kindern die Chance, ihren Körper neu einzuschätzen und ihre Möglichkeiten und Grenzen wieder zu erkennen. Die Patienten werden gezielt gefördert, um ihren eigenen Körper wieder zu akzeptieren und ihre Sinne und Kreativität zu stärken. Dafür gibt es diverse Möglichkeiten, die Sporttherapeutin Kyra Druivenga zum Einsatz bringt: Im Krankenbett werden im Liegen oder im Sitzen beispielsweise Bewegungsspiele mit einem Luftballon gemacht, Sinnes-Memorys sorgen für die Schulung der Sinne. Sogar mit dem Infusionsständer ist Sporttherapie möglich. Durch unterschiedliche Übungen kann der Tastsinn in Händen und Füßen gefördert werden. Der Fokus der Übungen liegt vorwiegend auf der Körperwahrnehmung und dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Es geht darum, „etwas zu wagen“, wodurch die Betroffenen wieder erleben, dass sie Einfluss auf Bewegungen und ihren Körper haben.

Ziel von Luftsprung ist es, den Betroffenen Vertrauen in ihre Fähigkeiten wiederzugeben und Erfolgserlebnisse hervorzurufen, die sie stärken sowie motivieren, die Therapie besser durchzustehen. Aber auch der Kontakt zu anderen Kindern hilft, ein Stück Alltag wiederherzustellen. Luftsprung möchte ein Stück „normale Freizeit“ in den Klinikalltag holen und dabei unterstützen, sich selbst wieder aktiv und selbstbestimmt zu erleben.

Weitere Informationen zum Projekt gibt es unter: https://gccc.umg.eu/spenden-foerdern/luftsprung/.

Autoren

Ärztlicher Leiter Abteilung Pädiatrische Hämatologie und Onkologie

Univ.-Prof. Dr. med. Christof Kramm

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